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Fahren mit ungenügendem Abstand bis Schikane-Stopp

Aktualisiert: 1. Mai

Der Vorwurf wegen Fahrens mit ungenügendem Abstand ist je nachdem mit empfindlichen Konsequenzen verbunden (Busse, Verwarnung, Führerausweisentzug etc.). Vorliegender Blog zeigt die Rechtslage und Rechtspraxis und wann eine anwaltschaftliche Vertretung als hilfreich erscheint. Die Informationen können ausserdem helfen, den Strassenverkehr besser einzuschätzen.



Wie jeder weiss, gilt es beim Hintereinander- oder Nachfahren, einen ausreichenden Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug einzuhalten. Diese in Art. 34 IV SVG festgehaltene Vorschrift wird in Art. 121 VRV dahin verdeutlicht, dass der Abstand so gross sein muss, dass auch beim Bremsen des Vordermannes rechtzeitig angehalten werden kann. Ausreichend ist damit der Abstand nur dann, wenn auch bei einer Notbremsung hinter dem voranfahrenden Fahrzeug rechtzeitig, d.h. ohne Kollision und ohne Schleudern mit entsprechender Gefährdung anderer, angehalten werden kann. Es stellt sich in Hinblick auf die Gefährdung die Frage:


Wie gross muss der Abstand sein?

Im Allgemein, vor allem im Kolonnenverkehr, gilt die sog. «2-Sekunden-Regel», wonach ein zeitliches Intervall von 2 Sek. zum Vordermann eingehalten werden soll (abgezählt mit «einundzwanzig, zweiundzwanzig). Das gleiche besagt die Regel, dass der Abstand (in Metern) ungefähr der halben Geschwindigkeit (in km/h) entsprechen («halber Tacho»), diese Distanz aber jedenfalls nicht unterschreiten soll. Dieser halbe Tacho entspricht ungefähr der 2-Sekunden-Regel. Genau berechnet bedeutet halber Tacho ein Zeitintervall von 1,8 Sekunden. Darin enthalten ist der Reaktionsbedarf von ca. 1 Sekunde als Puffer für eine allfällige momentane Unaufmerksamkeit, für nicht volle Konzentration oder eigenes, etwas ungenügendes Bremsen zur Verfügung steht. Mit diesem Puffer sollte selbst bei einer unerwarteten Notbremsung des Vordermannes eine Auffahrkollision jedenfalls noch vermieden und rechtzeitig angehalten werden können. Soviel zur Theorie.


Beweisrecht – Hier setzt anwaltschaftliche Tätigkeit ein

In der Schweiz gibt es keine Bestimmung, die in Hinblick auf die «Zwei-Sekunden-Regel» oder der «halbe-Tacho» besagt, dass der Abstand über eine bestimmte Zeit unterschritten sein muss. Dies bedeutet, dass bereits eine kurze Abstandsunterschreitung - wie z.B. bei einem Fahrstreifenwechsel mit Wiedereinbiegen – grundsätzlich strafbar ist.

Wie wir alle wissen, muss der Staat aber die Abstandsverletzung beweisen können. In der Praxis werden sehr oft vermeintliche Abstandsverletzungen durch Polizisten oder Private zur Anzeige gebracht. Liegen Videoaufnahmen vor, kann der Abstand anhand der gemessenen Geschwindigkeit und von den Fahrstreifen nachgerechnet werden. Alleine die persönlichen Wahrnehmungen z.B. von Polizisten können für eine Verurteilung ebenfalls ausreichen, können aber aufgrund des subjektiven Charakters in einem allfälligen Gerichtsverfahren angefochten oder angezweifelt werden. In dieser Konstellation lohnt es sich, die Sach- und Rechtlage durch einen Anwalt prüfen zu lassen.

In der Praxis schauen die Polizisten meisten doch, ob der Abstand eine gewisse Zeit unterschritten ist, um dem Risiko vorzubeugen, dass ein anderes Fahrzeug beim Streifenwechsel den Abstand verkürzt. Man kann dann je keine Vollbremsung reissen um nicht hintere Lenker zu gefährden.


Abstandsfotos durch Kameras

Hat man nur ein Bild mit einer Zustandsmessung durch eine Abstandskamera, wie das in der Praxis immer häufiger vorkommt, so kann es hilfreich sein, die näheren Strassenverhältnisse zu umschreiben. An sich könnte die Abstandberechnung angefochten werden beim Eidgenössisches Institut für Metrologie (METAS). In der Rechtsrealität ist dann der effektive Abstand praktisch immer noch grösser, das Toleranzabzüge wegfallen. Hier kann es hilfreich sein, den Sachverhalt von einem Anwalt überprüfen zu lassen.

Massenkollisionen

Auffahrkollisionen ereignen sich insbesondere immer wieder auf Autobahnen und sie arten dann oft ın Massenkollisionen aus. Auch das ist zweifelsohne ungenügendem Abstandhalten zuzuschreiben. Es ist ein seltsames Phänomen, dass speziell ın Doppelkolonnen nur noch ein minimaler Abstand eingehalten wird. Wahrscheinlich hängt das mit fehlerhafter Einschätzung der Lage zusammen. Der Automobilist sieht, was an sich natürlich ist, die Gefahr in erster Linie bei den Fahrzeugen der Kolonne nebenan. Zu dieser hat seine Kolonne aber meist nur eine geringe Differenzgeschwindigkeit von vielleicht 20 km/h (die * linke Kolonne fährt mit ca. 110 km/h und die rechte mit 90 km/h).


Brüskes Bremsen und Anhalten bis Schikane-Stopp

Bremsen auf freier Strecke muss so sanft wie möglich und unter tunlichster Rücksichtnahme auf den nachfolgenden Verkehr geschehen (Art. 37 Abs. 1 SVG). Brüskes Bremsen und Halten sind grundsätzlich nur im Notfall gestattet (Art. 12 Abs. 1 VRV). So wurde eine Automobilistin, die wegen auf der Strasse auftauchender Tiere plötzlich scharf bremste, worauf der nachfolgende Lenker auffuhr, freigesprochen (BGE 115 TV 250). Ebenso hatte der Automobilist, der, weil er von einem Entgegenkommenden geblendet wurde, relativ scharf abbremste, Art. 12 Abs. 1 VRV nicht verletzt. Mithin könnte auch demjenigen kein Vorwurf gemacht werden, der z. B. wegen auf die Strasse springender Kinder eine Notbremsung einleitet, oder das tut, weil er ausgangs einer Kurve plötzlich einen umgefallenen Baum oder ein anderes Hindernis auf der Strasse sieht; das selbst dann, wenn er diesem Hindernis vielleicht hätte ausweichen können.


Zum Schikane-Stopp

Art. 37 Abs. 1 SVG auferlegt dem Vordermann zwar auch die Pflicht, nach Möglichkeit auf die nachfolgenden Fahrzeuge Rücksicht zu nehmen. Das bezieht sich aber vorab auf das Anhalten (BGE 117 IV 504) und bedeutet im Wesentlichen nur, dass nicht ohne Not stark und überraschend abgebremst werden soll. Verboten ist hingegen der sog. Schikanestopp, d.h. unmotiviertes brüskes, unnötig scharfes Bremsen aus Böswilligkeit (BGE 117 IV 504, 99 IV 100). Solches liegt z.B. vor, wenn der Überholende aus Ärger darüber, dass ihn der Vordermann gesperrt hatte, unmittelbar nach dem Überholmanöver einschwenkt und abbremst, um dem Sperrenden eine Lektion zu erteilen. Anmerkung: Zulässig ist dagegen, einen Nachfolgenden, der zu nahe aufgeschlossen ist, durch mehrmaliges Antippen der Bremsen zu warnen (BGE 99 IV 100, 81 IV 51). Das darf aber nur unter mässigem, nur unwesentlichem Abbremsen geschehen. Wichtig: Wesentlich für den Entscheid, ob VRV12II verletzt ist, ist somit die Frage, ob der Nachfolgende grundlos gefährdet wurde und der Bremsende darum wusste oder wissen musste (BGE 117 IV 504).

Ich hoffe, Sie konnten aus dem Blog nützlich Informationen ziehen. Benötigen Sie eine anwaltschaftliche Beratung oder Vertretung, stehe ich Ihnen mit meiner 13-jährigen Berufserfahrung im Strassenverkehrsrecht gerne zur Verfügung. Profitieren Sie von dieser Erfahrung und vereinbaren ein Gesprächstermin. Gerne kläre ich Sie über alle wesentlichen Punkte und das den Ablauf auf. Ich bringe die Sache rasch auf den Punkt. Entscheiden Sie selbst.


lic. iur. Oliver Streiff, Rechtsanwalt in Glarus, Freienbach SZ und Zürich, Experte in Strassenverkehrsrecht

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